Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

 Wounds are forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) (Foto: C.Kleiner)

Wounds Are Forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)

Uraufführung von Sivan Ben Yishai, übersetzt von Maren Kames

Premiere: 23.6.21, Nationaltheater Mannheim, Koproduktion mit dem Theater Rampe Stuttgart, Stuttgarter Premiere: 9.3.22

Die Reise – oder nein: der Ritt beginnt an einer Straßenecke in Jaffa, Tel-Aviv. Das Jahr: 2014, die Zeit: vier Uhr morgens, die Heldin: Sivan Ben Yishai – Moment mal: Sivan? Die Autorin Sivan Ben Yishai? Ja, genau die. Die ehemalige Hausautorin Sivan Ben Yishai. Auf dem Rücken einer Deutschen Schäferhündin reitet sie durch Raum und Zeit, durch die Abgründe, Verstrickungen und Verbrechen der deutsch-israelisch-palästinensischen Geschichte. Von Jaffa 2014 ins Jahr 1938 in Deutschland, von Kuba an die russische Front, von Slowenien nach Mailand, durch das Mittelmeer nach Palästina. Von der Autorin verwandelt sie sich in eine Holocaustüberlebende, in eine sowjetische Partisanin, in eine Asylsuchende unter Wasser, in eine überzeugte Zionistin, in eine von Kopf bis Fuß bandagierte, mit Orden und Waffen behängte Kriegerin; Opfer und Täterin zugleich, Anklagende und Angeklagte, über allem stehend und mit allem verstrickt. Ihr zur Seite stehen ihr die Schäferhündin, eine tote, klagende Klezmerin und ein Kaleidoskop von Stimmen, Erfahrungen und widersprechende Perspektiven, die ihre Geschichte miterzählen. »Wounds Are Forever« ist Spurensuche und Selbstbefragung zugleich; das Offenlegen der individuellen Wunden macht die kollektiven Wunden sichtbar. Brutal, komisch, rasant und politisch schreibt sich Sivan Ben Yishai das 20. und 21. Jahrhundert auf den eigenen Körper. Nach der Uraufführung ihres Stückes »Liebe / Eine argumentative Übung« ist dies ihre zweite Arbeit für das Supranationaltheater Frauheim, dessen Hausautorin sie in der Spielzeit 2019/20 war.

Regie: Marie Bues, Bühne Shahrzad Rahmani, Kostüme und Objekte: Moran Sanderovich, Musik: Rona Geffen, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer, Licht: Björn Klaassen, Video: Christoph Schmitz/Timo Kleinemeier, Regieassistenz: Lisa Koenen, Assistenz Bühne und Kostüme: Johanna Schidlo, Soufflage: Eike Brand

Mit: Tala Al- Deen, Samuel Koch, Nicolas Fethi- Türksever, Rona Geffen, Patrick Schnicke, Sarah Zastrau, Sivan Ben Yishai

Presse:

Zur Seite von Nachtkritik:

“Auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters, wo Marie Bues das Stück uraufgeführt hat, begegnen wir einem gruseligen Zombie-Schwadron. Halb sehen sie aus, wie in den Plastinats-Werkstätten Gunther von Hagens zusammengebaut, halb wie verfaulte Krieger der berühmten chinesischen Terrakotta-Armee: Leute, denen bei lebendigen Leib die Haut abgezogen wurde, und deren monströse Verletzungen im Zustand der Verwesung getrocknet sind und sich in Panzer verwandelten. Auch die Kalaschnikows, die sie immer mal wieder präsentieren, sind aus diesem verhärteten Verwesungsmaterial genommen: Es ist ein ziemlich kongeniales Bild, das die Künstlerin Moran Sanderovich mit diesen Körperpanzern, in die sie die Spieler:innen Tala Al-Deen, Samuel Koch, Nicolas Fethi Türksever, Rona Geffen, Patrick Schnicke und Sarah Zastrau gesteckt hat, hier für Sivan Ben Yishais krassen wie sarkastischen und geschichtsphilosophischen Ritt durch die Geschichte und ihr Fallout findet.

Séance und Schlachtfeld

Marie Bues teilt den Text, der aus sechs „Fraktalen“ und einem Nachtrag besteht, unter den Mitgliedern der Zombie-Armee auf. Die Musikerin Rona Geffen reichert das Panorama atmosphärisch mit Liedern und jüdischen Gebeten an. Es ist eine Séance im Reich des Todes, in der sich die einzelnen Akteure immer wieder in neue Arrangements begeben, um die Geschichte in immer neuen Reflexionsschleifen zu beschwören. Mal sprechen sie chorisch, mal vereinzelt. Manchmal fallen sie zu Boden und liegen auf Shahrzad Rahmanis Bühne herum wie Tote auf einem Schlachtfeld.

Die Protagonistin des Stücks ist Sivan Ben Yishai selbst: die in Israel geborene Dramatikerin, die – von den eigenen Eltern misstrauisch beäugt – ins Land der Täter kommt, um hier Dramatikerin zu werden. Nun ist sie (wie zuerst Friedrich Schiller) Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Nationaltheater! Deutschland! „Bei meine gefillte-jiddische Arsch, Tochter!“, sagt aber nun die Mutter. „Was wollen diese Leute wirklich von Dir? Sie bezahlen dich, um mit der Kippa auf dem Kopf dein Lamento herunterzubeten, ihren Antisemitismus mit deinem jüdischen Selbsthass zu füttern.“ Doch sie kennen die Deutschen, diese Eltern. Bald „schießt dir Johann in den Kopf, Friedrich schmeißt deine Knochen in den Graben und Christoph macht Seife aus Deinen Knorpeln.“

Während der Part von Sivan Ben Yishai auf der Bühne von Samuel Koch dargestellt wird, ebenfalls ein Mitglied der gespenstischen Armee lebender Toter, taucht Sivan Ben Yishai per Video Einspielung auf. Sie sieht aus wie sie selbst, spricht aber die harten Texte ihrer Eltern, komisch, verzweifelt, paranoid, ängstlich. Und so jagt diese Autorin die Geschichte durch die eigene Biografie – und den eigenen Körper. Ist sarkastisches Medium, vielstimmige Erzählerin und Bühne für diesen monströsen Stoff. Ein Stück der Stunde, ein Stück des Jahres vielleicht sogar, klug und bildmächtig umgesetzt.“

Daniel Stender vom SWR2 (24.6.2021) findet diese Inszenierung „ekelhaft und großartig zugleich“. Ekelhaft seien die Kostüme, großartig „alles andere“, namentlich Samuel Koch in der Rolle der Autorin und der Auftritt der Autorin im Video selbst. Das Stück handle von Sivan Ben Yishai, die wie „eine Art jüdische Superheldin durch die Zeit reist“. Was diesen Abend „zusammenhält, ist eine Remix- und Neustart-Ästhetik: Mehrmals wird die Handlung neu begonnen“.

Sivan Ben Yishai präsentiere sich selbst, meint Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (26.6.2021) zum Stücktext. Dies findet der Kritiker wenig spannend: „Wir haben es wieder einmal mit einem jener postdramatischen Textteppiche zu tun, die seit gut zwei Dekaden inflationär oft geknüpft werden – nicht gerade zur Freude des Publikums, aber zum Zweck des gönnerhaften Kopfnickens all jener grau melierten Dozenten von Schreib-Studiengängen, die das immer Gleiche perpetuiert sehen wollen“, urteilt er. Auch die Regisseurin folge diesen Pfaden, wenn sie mit live projizierten Bildern arbeite. Die Prosa-Passagen werden laut dem Kritiker „chorisch heruntergerattert“. „Warum eigentlich suchen so wenige nach wirklich neuen Wegen im Abenteuerland namens Theater?“, fragt Oesterreich sich, lobt aber die schauspielerischen Leistungen von Samuel Koch und Tala Al-Deen. Das Stück selbst bleibt für den Rezensenten aber „nur Stückwerk“. „Oje!“ ist der Ausruf seines finalen Urteils.

EckhardBritsch im Mannheimer Morgen (26.6.21) sah einen „gewaltsamen Parforceritt“, der „von nimmer heilenden Wunden der Holocaust- und Nach-Holocaust-Generationen“ spricht – „vom Zorn über Gewalt und die scheinbare Notwendigkeit, selbst auf den Zug der Gewalt aufzuspringen.“ Das „mitunter Furcht erregende Stück“ sei „zwischen Mysterienspiel, surrealer Vision und hartem Realismus“ angesiedelt. Vielleicht, mutmaßt der Rezensent, könne nur aus Leiden an der Welt „eine Art Welttheater“ entstehen. „Alles in allem: Sperrige Phantasien von Schmerz und Gewalt einer Autorin, die zweifellos durch ihre brutale Selbstentäußerung zu den originellsten, aber auch verwirrendsten Figuren der aktuellen Theaterszene gehört.“

Hans-Ulrich Fechler fragt sich in der Rheinpfalz (24.6.21, 15:51 Uhr) anhand der „Nationaldichterin“ im Titel: „Ist Sivan Ben Yishai größenwahnsinnig geworden?“ Und antwortet sich selbst: „Größenwahnsinnig wohl nicht, aber egozentrisch ist sie schon, denn „Wounds Are Forever“ dreht sich einzig und allein um sie.“ Gebrochen werde der Verdacht des Größenwahnsinns jedoch davon, wie gleichberechtigt alle Darstellenden, darunter die Autorin, auf der Bühne ständen. Das Stück begebe sich auf „eine phantastische Zeitreise“, die nach einem Einstieg „allen Realismus und jegliche zeitliche Ordnung fahren“ lässt. Der Fokus dieser „blutigen Münchhausiade“ liege auf dem deutsch-israelischen Verhältnis. „Bei allem lustvollen Waten durch Blut, Schweiß und Tränen besticht „Wounds Are Forever“ dabei durch Humor und Selbstironie.“

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Wounds are forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)